"Ich habe immer mein Bestes gegeben", erzählt die 58-Jährige Rabbiatu Kuyateh unter Tränen. Sie versteht nicht, wieso es ausgerechnet sie getroffen hat. "Ich habe dafür gesorgt, dass mein Sohn eine gute Ausbildung erhält und habe alles gegeben, ich war nie in Schwierigkeiten." Trotzdem schoben die USA sie nach Ghana ab - ein Land, das sie bislang nur von der Landkarte kannte, erzählt sie.
Vor mehr als 30 Jahren flüchtete Rabbiatu Kuyateh vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat Sierra Leone in die USA. In der Stadt Bowie, im Bundesstaat Maryland, baute sie sich ein neues Leben auf. Kuyateh arbeitete als Krankenschwester und gründete eine Familie. Doch diese Heimat sollte sie verlieren. Bei einem Routinetermin mit einer US-Behörde wird Kuyateh festgesetzt, erzählt sie gegenüber ZDFheute. Und wenig später, im November 2025, schieben die USA sie nach Ghana ab.
Seit Anfang 2025 25.000 Menschen In Drittländer Abgeschoben
Für die gemeinsame Recherche "The Deportation Project" hat ZDFheute gemeinsam mit 25 Medienpartnern Abschiebungen aus den USA in Drittländer untersucht. Koordiniert wurde die Recherche vom Pariser Nonprofit-Newsroom Forbidden Stories.
Rabbiatu Kuyateh ist laut Berechnungen des Recherchekonsortiums eine von mehr als 25.000 Personen, die seit dem Beginn von Trumps Präsidentschaft im Januar 2025 von den USA in ein Drittland abgeschoben wurden.
Gemeint sind Staaten, in denen die Abgeschobenen weder Bürger sind noch geboren wurden. Das Land, das bisher die meisten Personen aus Drittländern aufgenommen hat, ist Mexiko. Allein 20.000 Menschen wurden laut Zahlen der beiden NGOs Refugees International und Human Rights First dorthin abgeschoben, obwohl sie keine mexikanischen Staatsbürger sind.
Us-Regierung Soll 410 Millionen Dollar Versprochen Haben
Zahlreiche Juristen halten das Vorgehen der US-Regierung für einen Bruch des Völkerrechts. Manche der Abgeschobenen wurden von diesen Drittländern trotz eines bestehenden Schutzstatus weiter in ihre Herkunftsländer abgeschoben. Andere wurden bei Abschiebeflügen auf andere Kontinente geschickt: Die USA brachten etwa bei einem der Flüge Menschen aus Vietnam und Kuba nach Südsudan, einem Land, wo die Sicherheitslage angespannt ist und das Gesundheitssystem Berichten zufolge vor dem Kollaps steht.
Viele der Abgeschobenen berichten, dass ihnen der Zugang zu Anwälten und zu einem fairen Verfahren verwehrt wurde - wie es eigentlich nach US-amerikanischem Recht vorgesehen wäre.
Als Grundlage für die Abschiebungen schließt die US-Regierung weltweit Abkommen, insbesondere mit Ländern in Lateinamerika und Afrika. Laut internen Unterlagen, die der Recherchepartner Washington Post auswerten konnte, sagte die US-Regierung im Gegenzug offenbar insgesamt mindestens 410 Millionen US-Dollar zu, um die Abkommen zu ermöglichen.
Weißes Haus Weist Vorwürfe Zurück
Das Weiße Haus erklärt in einer Stellungnahme gegenüber ZDFheute, man schiebe "nur diejenigen illegalen Einwanderer ab, deren Heimatländer sie nicht aufnehmen wollen, darunter gefährliche Straftäter oder illegale Einwanderer mit einer Abschiebungsanordnung, die beantragt haben, nicht in ihr Heimatland abgeschoben zu werden." Das US-Außenministerium gibt auf Anfrage an, man werde alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um diejenigen auszuweisen, die kein Aufenthaltsrecht hätten.
Festnahmen Durch Ice
Nachprüfen lassen sich die Angaben der US-amerikanischen Regierung nicht. Fakt ist jedoch, dass laut dem "Deportation Data Project" mehr als 70 Prozent der Menschen, die die US-Einwanderungsbehörde ICE insgesamt im Juli in Haft genommen hatte, keine verurteilten Straftäter waren. Der Großteil der übrigen Festgenommenen war demnach nicht wegen gewalttätiger Straftaten verurteilt worden.
Abschiebung Als Abschreckung?
Abschiebungen in Drittländer gab es bereits vor der aktuellen US-Regierung, ihre Zahl ist seither jedoch stark gestiegen. Juristen halten das für eine Strategie der Trump-Administration: Migranten sollen so eingeschüchtert werden, dass sie freiwillig zurück in ihre Herkunftsländer gehen - oder gar nicht erst kommen.
Meredyth Yoon ist Migrationsanwältin in Atlanta, in Georgia, und vertritt eine Reihe von Abgeschobenen. Sie erklärt gegenüber ZDFheute:
Neben Rabbiatu Kuyateh wurden seit September 2025 mehr als 100 Menschen von den USA nach Ghana abgeschoben. Das belegen Zahlen der beiden NGOs Refugees International und Human Rights First.
Einige von ihnen besaßen eine Aussetzung der Abschiebung in ihre Herkunftsländer, ein von US-Gerichten festgestellter Schutz. Er soll verhindern, dass Menschen in Länder abgeschoben werden, in denen eine Gefahr für ihr Leben droht. Auch Rabbiatu Kuyateh besaß einen solchen Schutz - und wurde trotzdem nach Sierra Leone weiter abgeschoben.
- Wie ICE-Haftzentren organisiert sind
- Weiterer Toter bei ICE-Einsatz - offenbar Verwechslung
Anwalt: Ghana Übernimmt "Schmutzige Arbeit" Für Usa
Kein Einzelfall: Medienberichten zufolge wurden viele Personen aus Ghana weiter in ihre Herkunftsländer abgeschoben. ZDFheute liegen Videoaufnahmen vor, die den Abschiebeprozess von Rabbiatu Kuyateh durch ghanaische Behörden zeigen. In den Videos schleifen ghanaische Beamte die 58-Jährige über eine Straße zu einem Auto, da sie ihnen nicht freiwillig folgen will. Der ghanaische Jurist und Aktivist Oliver Barker-Vormawor, der diese Fälle als Anwalt vertritt, lehnt die Verabredung zwischen Ghana und den USA ab:
Das Außenministerium von Ghana äußert sich auf Anfrage von ZDFheute nicht. Das US-Außenministerium erklärt hingegen, man kommentiere grundsätzlich keine nicht-öffentliche diplomatische Kommunikation mit anderen Regierungen.
So Wird Die Drittland-Regelung Derzeit Angefochten
Ob die US-Regierung die Abschiebungen weiter in dieser Form aufrechterhalten kann, ist unklar. Ein US-Berufungsgericht entschied am 18. September, dass die Abschiebungen gegen den Grundsatz eines ordnungsgemäßen Verfahrens verstoßen. Betroffene müssten zumindest ausreichend früh über ihre Abschiebung in ein Drittland informiert werden. Es wird erwartet, dass die US-Regierung Berufung einlegt.
Rabbiatu Kuyateh kämpft weiter darum, ihr altes Leben zurückzubekommen. Ihr gelang aus Sierra Leone wieder die Flucht in ein anderes afrikanisches Land, wo sie sich bis heute versteckt. Hier spricht sie mit Mitgliedern des Recherchekonsortiums offen über ihre Geschichte und die Angst davor, wieder in Sierra Leone zu enden.
Kuyateh hofft, dass sie eines Tages wieder in die USA zurückkehren kann - ihre Heimat der letzten 30 Jahre und das Land, in dem ihre Familie lebt.
Mitarbeit: Yassin Musharbash, Karina Chabour und Lea Peruchon.
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Über dieses Thema berichtete ZDFheute in dem Beitrag "Trumps umstrittene Deals: US-Abschiebungen in Drittländer" am 21.09.2026 um 07:28 Uhr.
Nachprüfen lassen sich die Angaben der US-amerikanischen Regierung nicht. Fakt ist jedoch, dass laut dem "Deportation Data Project" mehr als 70 Prozent der Menschen, die die US-Einwanderungsbehörde ICE insgesamt im Juli in Haft genommen hatte, keine verurteilten Straftäter waren. Der Großteil der übrigen Festgenommenen war demnach nicht wegen gewalttätiger Straftaten verurteilt worden.
Ob die US-Regierung die Abschiebungen weiter in dieser Form aufrechterhalten kann, ist unklar. Ein US-Berufungsgericht entschied am 18. September, dass die Abschiebungen gegen den Grundsatz eines ordnungsgemäßen Verfahrens verstoßen. Betroffene müssten zumindest ausreichend früh über ihre Abschiebung in ein Drittland informiert werden. Es wird erwartet, dass die US-Regierung Berufung einlegt.
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